Pathophysiologie

Die im Blutplasma zirkulierenden Lipoproteine lassen sich anhand ihrer Dichte, ihrer
Herkunft und ihrer pathophysiologischen Rolle bei der Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen
differenzieren. Chylomikronen werden nach fettreichen Mahlzeiten in den Enterozyten der Darmwand
synthetisiert, um primär Triglyceride (TG) aus der Nahrung in Muskel- und Fettgewebe zu transportieren.
Dauerhaft stark erhöhte TG gelten als Risikofaktor für eine akute Pankreatitis [1]. Die Mehrzahl der
Lipidproteine (70-75%) wird durch die Leber synthetisiert [1].
Das initial gebildet VLDL (Very Low Density Lipoprotein) wird im Plasma und peripheren Organen
über das kurzlebige Zwischenprodukt IDL (Intermediate Density Lipoprotein) zu LDL (Low Density Lipoprotein),
abgebaut. Bei einem Überangebot werden LDL-Partikel von Endothelzellen in die Intima, die innerste
Schicht der Blutgefäße, transportiert. Dort werden sie von Makrophagen aufgenommen, die sich zu Schaumzellen
entwickeln und eine Entzündungsreaktion auslösen, die schließlich zur Bildung von Arteriosklerose führt [1].
Lipoprotein(a) wird ebenfalls in der Leber synthetisiert und seine Plasmakonzentration ist zu >90% genetisch
determiniert (siehe eigene Laborinfo) [2]. HDL (High Density Lipoprotein) nimmt überschüssiges Cholesterol aus
peripheren Geweben auf und transportiert es zur Leber. Zusammenfassend resultiert das kardiovaskuläre Risiko aus
einem Ungleichgewicht zwischen den gefäßschädigenden Lipoproteinen, insbesondere LDL und Lp(a), und der
gefäßschützenden Wirkung des HDL.

Diagnostik

Die Analyse der Lipidparameter erfolgt im Serum bei diagnostischer Indikation therapiebegleitend oder im Rahmen
der Vorsorgeuntersuchung (Ziffer: 32882), die nach dem 35. Lebensjahr alle 3 Jahre (davor: 18-34 LJ: einmalig)
möglich ist. 

Lipidstatus:
  • Gesamtcholesterin
  • HDL-Cholesterin
  • LDL-Cholesterin
  • Non-HDL-Cholesterin
  • Triglyceride
  • Lp(a) - einmalig im Leben – 
Suchtest: 
  • Gesamtcholesterin
  • Triglyceride 
Erweiterte Diagnostik für spezifische Fragestellungen:
  • Apolipoproteine A1, B
  • Lipidelektrophorese
  • Genetische Untersuchungen bei V.a. familiärer Hypercholesterinämie (bei dauerhaft erhöhten LDL Werten von >6,5mmol/l)* 

* Verdachtsfälle einer hereditären Erkrankung sollten grundsätzlich durch eine Analyse
des Indexpatienten im Rahmen einer diagnostischen Fragestellung untersucht werden.
Für diese Fragestellung ist ein seperates EDTA-Blutröhrchen und eine von der zu
untersuchenden Person unterschriebene Einverständniserklärung gemäß Gendiagnostikgesetz
erforderlich.

Indikation und Therapie:

Indikationen für die Analyse der Basiswerte sind u.a.:
  • Familiäre Dyslipoproteinämien
  • Periphere, cerebrale Durchblutungsstörungen, KHK
  • Diabetes, Adipositas, Genussmittelkonsum, Hypothreose
  • Leber-, Nierenerkrankungen
  • Hautmanifestationen (Xanthom, Arcus lipoides corneae)
  • Kontrolle lipidsenkender Therapien
  • Überwachung anderer medikamentöser Therapien, die Einfluß auf Lipidparameter haben (z.B. Glukokortioide, Retinoide, Antikonzeptiva, Diuretika, Beta-Blocker)

Anders als bei anderen Laborparametern existieren keine "klassischen" Referenzwerte; stattdessen gibt es
individuelle Zielwerte, die auf dem berechneten Risiko für kardiovaskuläre
Erkrankungen basieren (SCORE-2 und SCORE-OP) [3, siehe nachfolgende Tabelle].


Kardiovaskuläre
Risikokategorie
Empfohlene LDL-C-
Behandlungsziele
Kriterien / Risikofaktoren

Niedriges Risiko

< 3,0 mmol/l (<116 mg/dl) SCORE2 / SCORE2-OP <2%
Mittleres Risiko < 2,6 mmol/l (<100mg/dl) und >/= 50% Senkung
gegenüber dem Ausgangswert
- SCORE2 / SCORE2-OP> 2% und <10%

- Junge Patienten   (T1DM<35 Jahre,    T2DM <50Jahre)    mit einer DM-Dauer <10 Jahre ohne andere Risikofaktoren

Hohes Risiko < 1,8 mmol/l (<70mg/dl) und >/= 50% Senkung
gegenüber dem Ausgangswert
- SCORE2 / SCORE2-OP> 10% und <20%
- Deutlich erhöhte Einzelrisikofaktoren (z.B. Gesamtcholesterin > 8 mmol/l, LDL-C > 4,9 mmol/l, Blutdruck >/= 180/110 mm Hg)
- Familiäre Hypercholesterinämie (FH) ohne andere wesentliche Risikofaktoren
- Moderate CKD (eGFR 30-59 ml/min/1,73m²)
- DM mit /ohne Endorganschäden, mit DM-Dauer >/= 10 Jahre oder anderem zusätzlichem Risikofaktor

Sehr hohes Risiko < 1,4 mmol/l (<55mg/dl) und
>/= 50% Senkung
gegenüber dem Ausgangswert
- ASCVD (klinisch oder bildgebend)
- SCORE2 / SCORE-OP >/= 20%
- FH mit ASCVD oder einem anderen Hauptrisikofaktor
- Schwere CKD (eGFR < 30ml/min/1,73m²)
- DM mit Endorganschäden: >/= 3 Hauptrisikofaktoren oder früh einsetzender T1DM mit langer Dauer (>20 Jahre)
- Personen in der Primärprävention mit familiärer Hypercholesterinämie (FH) und sehr hohem Risiko

Extremes Risiko < 1,0 mmol/l (<40mg/dl) - Patienten mit ASCVD, bei denen während der Einnahme einer maximal verträglichen Statintherapie wiederkehrende vaskuläre Ereignisse auftreten
- Patienten mit polyvaskulärer arteieller Erkrankung (z.B. KHK und pAVK)

Gemäß den neuen GBA-Richtlinien aus dem Jahr 2024 stellt ein Risiko von 10% (vorher: 20%) für das Auftreten
einer KHK innerhalb der nächsten 10 Jahre eine Indikation für eine medikamentöse Behandlung der LDL-Werte dar [4].
Die Eskalationstherapie wird schrittweise und in Kombination durchgeführt, bis der individuelle Zielwert des Patienten
erreicht ist [5, siehe nachfolgende Tabelle].

Eskalationsstufe Behandlungsintensität/Medikation
Basis (durchgehend) Gesunder Lebensstil
Stufe 1 Statin (hochpotent und hoch dosiert)
Stufe 2 Statin + Ezetimib 
Stufe 3 Statin + Ezetimib + Bempedoinsäure 
Stufe 4 Statin + Ezetimib + Bempedoinsäure + PCSK9-Präparat 
Stufe 5 Apherese + Statin + Ezetimib + Bempedoinsäure + PCSK9-Präparat 



Literatur:

[1] Qiao et al. Frontiers of Physiol. 2022; DOI 10.3389/fphys.2022.931931
[2] Björnson et al., J Am Coll Cardiol. 2024; 23; 83(3): 385–395
[3] Laufs et al. Kardiologie 2026; 20:248–259.
[4] https://www.kbv.de/praxis/tools-und-services/praxisnachrichten/2024/12-19/G- BA%20erweitert%20
Verordnungsm%C3%B6glichkeiten%20f%C3%BCr%20Lipidsenker [5] https://www.lipid-liga.de/empfehlungen/


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